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  • #lebensgeschichte – Première Dame aus bayerisch-italienischer Familie

    #lebensgeschichte – Première Dame aus bayerisch-italienischer Familie

    Interview mit Veronika Dräxler über ihren Kunstfilm „Femme sulfureuse“

    Die Künstlerin Veronika Dräxler lebt in Fürstenfeldbruck und Paris. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich ist ihr Thema, dem sie auch in ihrem Film „Femme sulfureuse“ nachgeht. Diese sinnliche Recherche verfolgt die Lebensspuren der vergessenen französischen Präsidentengattin Henriette Poincaré. Die Ausstellung „Im Schatten der Marseillaise“ mit Film läuft in der Städtischen Galerie in Cham bis zum 8. Februar 2026.

    Wie sind Sie auf die Figur der Henriette Poincaré gestoßen?

    Henriette Poincaré (1858 – 1943) ist zu mir gekommen, nicht ich zu ihr. Heute befindet sich die Residenz der deutschen Gesandten in Paris im ehemaligen Wohnhaus der Familie Poincaré. Ich sprach mit der Gesandten über meine Arbeit. Daraufhin erzählte mir die Hausherrin von der Première Dame aus bayerisch-italienischer Familie. Das hat mein Interesse geweckt. In einer ersten Recherche fand ich heraus, dass Henriette wegen ihres unkonventionellen Lebenswandels in der französischen Presse als „femme sulfureuse“ diffamiert wurde.    

    Was bedeutet für Sie der Begriff „Femme sulfureuse“?

    „Femme sulfureuse“ ist für mich ein historischer Kampfbegriff, um Frauen zu diskreditieren, die sich gängigen Moral- und Geschlechterordnungen widersetzen. Wenn ich den Begriff heute verwende, drehe ich ihn um. „Femme sulfureuse“ ist dann die selbstbewusste Figur der Verführerin, die Narrative verschiebt und Räume neu definiert. So tritt diese Figur in meinem Film vom Dunklen ins Helle.

    In meinen Arbeiten interessiert mich, wie weibliche Diplomatie funktioniert, lange bevor sie offiziell benannt wurde: in Körperhaltungen, in Kleidung, in Blicken. Die Verführerin ist dabei kein Klischee, sondern ein Werkzeug, um Machtmechanismen sichtbar zu machen. Henriette steht für das Emanzipatorische im politisch diplomatischen Raum.

    Wie nähern Sie sich als Künstlerin historischen Figuren?

    Jahreszahlen überlasse ich gerne den Historikerinnen. Mein Zugang läuft über Sinnlichkeit, Atmosphäre und die körperliche Erfahrung. Erst im Nachhinein werden Daten und Archivmaterial wichtig, um das, was ich intuitiv gespürt habe, theoretisch zu verankern und wissenschaftlich zu reflektieren.

    Als Künstlerin habe ich eine ganz andere Herangehensweise als etwa ein Historiker. Ich denke, dass beide Disziplinen voneinander profitieren können.

    Sie spielen im Film selbst die Rolle der Henriette Poincaré. Warum dieser Schritt in die Rolle?

    Ursprünglich wollte ich nur mit dem Haus als Schauplatz arbeiten. Doch ein Couture-Kleid von Taylor Wishneff aus Paris hat mich buchstäblich in die Figur hineingezogen. In dem Moment, in dem ich im ehemaligen Wohnhaus der Poincarés in diesem Kleid stand, verschob sich meine Wahrnehmung. Ich fühlte mich wie in einer neuen Haut, durch die ich Geschichte körperlich erfahren kann. Dann war klar, ich spiele Henriette.

    Danke für das Gespräch, Veronika Dräxler

    Das Gespräch führte Julia Weigl-Wagner

    Veronika Dräxler Veronika Dräxler (geb. 1986) ist eine deutsch-ecuadorianische, interdisziplinär arbeitende Künstlerin, Performerin und Autorin, die in Fürstenfeldbruck und Paris lebt und arbeitet. Sie studierte Design in München und Ecuador sowie Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München und an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. In ihren Projekten erforscht sie Traumata, Erinnerung und Machtstrukturen im Spannungsfeld von Körper, Geschichte und Diplomatie. Dräxler promoviert an der Ecole Normale Superieure (ENS) in Paris. Ihr Thema: Femme Sulfureuse – Körper, Macht und Überschreitung: Henriette Poincaré und die weibliche Diplomatie in den deutsch-französischen Beziehungen.

    Foto: „Femme sulfureuse“ – Künstlerin Veronika Dräxler mit Prof. Ulrich Pfeil, Experte für deutsch-französische an der Université de Lorraine in Metz. (Foto Julia Weigl-Wagner