Schlagwort: Städtische Galerie Cordonhaus Cham

  • #cordonhaus – Zeit wahrnehmen mit Time Tapestry

    #cordonhaus – Zeit wahrnehmen mit Time Tapestry

    „Time Tapestry“ ist eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Cordonhaus – bis zum 8. November 2026. Die Arbeiten von Anke Völk, Tobias Buckel und Gabriel Vormstein sensibilisieren für Zeit, Wahrnehmung und Veränderung.

    „Time Tapestry“ – Tun wir einmal so, als wäre Zeit ein Gewebe und wir könnten alles mögliche mit ihr anstellen. Sie würde nicht nur vergehen, vielmehr könnten wir sie nach Herzenslust gestalten, ihrem Sinn nachgehen und anderen mitteilen, was sie uns erzählt. Das wäre ganz anders, als die Kommunikation in Posts mit Emojis, die aus uns 0/8/15-Kommunikatorinnen und Kommunikatoren gemacht hat, die mit den immer gleichen Zeichen zunehmend gleiche Zustandsbeschreibungen in ihre Blasen posuanen. In ihren Werken für „Time Tapestry“ gehen Anke Völk, Tobias Buckel und Gabriel Vormstein bildnerisch dem Phänomen Zeit nach.

    „Wie lange dauert es, wenn Anke Völk ihre großformatigen Arbeiten gestaltet,“ fragt eine Besucherin. Anke Völk, Tobias Buckel und Gabriel Vormstein versetzen uns in einen vordigitalen Zustand und treffen dabei ins Schwarze der Gegenwart.

    Gabriel Vormstein grundiert mehrere Lagen Zeitung mit weißer Farbe, bis nur noch wenig Druckerschwärze durchschimmert. So schafft er Raum für Neues, Leere und Zeit. Tobias Buckel gestaltet durchscheinende Räume und schafft so eine neue Qualität der Begegnung.

    Das ist mein Pressetext zur Ausstellung:

    Zeit oder: Die Kunst der Wahrnehmung
    Time Tapestry: Künstler*innen verwandeln das Cordonhaus

    CHAM. Die Ausstellung „Time Tapestry“ sensibilisiert für Zeit, Wahrnehmung und Veränderung. Anke Völk, Tobias Buckel und Gabriel Vormstein entwickeln mit ihren Werken neue Varianten der Annäherung an den Wandel und der Wahrnehmung von Langsamkeit. – Kuratiert wurde die Herbstausstellung von Galerieleiterin Anjalie ist bis zum 8. November in der Städtischen Galerie Cordonhaus zu sehen.

    Malerei, Installation und Intervention der drei Kunstschaffenden Anke Völk, Tobias Buckel und Gabriel Vormstein präsentieren Wirklichkeit wie in Zeitlupe. Wer sich Zeit nimmt, erfährt wie Vergangenes in die Gegenwart hineinschimmert und sich das Gegenwärtige als unmittelbare Erfahrung entfaltet.

    Unmittelbar physische Begegnung

    Die Arbeiten dieser Ausstellung schärfen den Blick, fordern ihn heraus und widersetzen sich der permanenten Zirkulation virtueller Bilder. Anke Völk, Tobias Buckel und Gabriel Vormstein setzen auf die unmittelbar physische Begegnung mit Grafik, Malerei, Installation und räumlicher Interventionen.

    Jede dieser Arbeiten tritt dabei in Beziehung zur übergreifenden Installation „Time Tapestry“, die eigens für die Räume der Städtischen Galerie Cordonhaus entwickelt wurde. So wird das Cordonhaus selbst nicht nur zum Ausstellungsort, sondern auch zum Bestandteil der künstlerischen Erfahrung.

    Malerei als räumliches Ereignis

    Anke Völk untersucht die Beziehung von Farbe, Fläche, Material und Raum. Ihre Malerei bewegt sich zwischen abstrakter Ordnung und körperhafter Präsenz. Farbschichten, Strukturen und malerische Gesten verdichten sich zu abstrakten Bildgefügen, die über den Malgrund hinausreichen und als räumliches Ereignis erlebbar werden.

    Chiffren für das Vergängliche

    Gabriel Vormsteins Kunst macht das Vergängliche als Materialspur sichtbar. Der Künstler verbindet Malerei, Collage und Assemblage. Er arbeitet mit Zeitungen und Fundstücken aus Holz oder aus der Natur.

    Das Zeitungspapier verweist auf Nachrichten und Ereignisse, die bereits vergangen sind. Äste und andere Naturmaterialien tragen die Spuren von Wachstum, Bruch und Verfall in sich. In Vormsteins Arbeiten werden diese Materialien zu fragilen Chiffren für das Vergängliche.

    Bildraum wird Erfahrungsraum

    Tobias Buckels Arbeiten konstituieren sich erst im Auge des Betrachters. Seine gemalten Räume erzeugen Situationen, in denen Orientierung nicht selbstverständlich ist. Zwischen Bildoberfläche, räumlicher Illusion und Vorstellungskraft entstehen offene Wahrnehmungsräume.

    Erst das intensive Zusammenspiel von Blick und Imagination vermittelt zwischen den verschiedenen Ebenen. So wird der Bildraum in Tobias Buckels Arbeiten zum Erfahrungsraum: Er fordert den Blick heraus und lässt Wirklichkeit als etwas Bewegliches und immer wieder neu zu Erschließendes erscheinen.

    Time Tapestry verbindet drei eigenständige künstlerische Positionen zu einem vielschichtigen Dialog. Gemeinsam ist ihnen das Interesse an Übergängen: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Bild und Raum, Ordnung und Auflösung, Dauer und Vergänglichkeit.

    Im besten Fall geschähe das in Malerei, Skulptur und Intervention.

  • #cordonhaus – die gebaute Welt im Visier von Roland Boden

    #cordonhaus – die gebaute Welt im Visier von Roland Boden

    Malerei und Objekte von Roland Boden zeigt die städtische Galerie Cordonhaus in Cham noch bis zum 9. August 2026 unter dem Titel „Festkörperbetrachtungen“. Die Arbeiten des Berliner Künstlers bewegen sich zwischen Konstruktion und Imagination. Sie eröffnen Bildwelten, die vertraut wirken und zugleich über die eigene Vorstellungskraft hinausweisen. Sie reflektieren den Zustand der gebauten Welt.

    Mechanik und Ästhetik

    Der Titel „Festkörperbetrachtung“ klingt präzise und technisch – und verweist doch auf eine vielschichtige Bildsprache. In Bodens Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Modell und Fiktion. Seine Bildwelten speisen sich aus unterschiedlichen Erfahrungen. Einflüsse aus Militärdienst und Bauingenieurstudium verbinden sich zu neuen künstlerischen Konstruktionen.

    Absurde Architekturen

    Galerieleiterin Anjalie Chaubal beschreibt die Werke des Künstlers so: „In den Arbeiten von Roland Boden geht es um absurde Architekturen, metaphysische Modelle und surreale Maschinen, die zwischen Vergangenheit und Zukunft angesiedelt sind.“ Tatsächlich verknüpft Boden Elemente aus Technik, Militärgeschichte, avantgardistischer urbaner Planung, digitalen Bildwelten und Entwürfen aus der Renaissance zu Objekten einer imaginierten Gleichzeitigkeit.

    Analoge Unschärfe

    Computergenerierte Skizzen dienen als Vorlagen für eine Malerei, in der Schwarzweißtöne dominieren. Durch die malerische Umsetzung menschenleerer, teils absurder Architekturen entsteht eine eigentümliche Unschärfe – ein Schwebezustand zwischen Realität, Modell und Fiktion. So entsteht der Eindruck einer vom Menschen geschaffenen Welt, der zugleich jede menschliche Präsenz zu fehlen scheint.

    Roland Boden

    Geboren 1962 in Dresden, nach Abitur und Wehrdienst Studium des Bauingenieurwesens an der TU Dresden, 1992/94 Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds Berlin, 1994/95 Philipp-Morris-Stipendium für Malerei,1998 Arbeitsstipendium Ohio Arts Council, Cleveland/USA, 2000 Stipendium der Kulturstiftung Sachsen, 2002 Artist in Residence Stipendium IASKA Perth /Australien, 2003 Jahresstipendium Deutsche Akademie Villa Massimo Rom, 2004 Arbeitsaufenthalt in Buenos Aires/Argentinien, 2005 Artist in Residence APT Gallery London, 2009 Stipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn, 2020 Falkenrot-Preis Berlin, 2020 Recherche-Stipendium des Berliner Senat, 2022 NEUSTART Projektförderung Modul C, 2022/23 Projektförderung Stiftung Kunstfonds Bonn „Pneumopteria“, zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland, Roland Boden lebt und arbeitet in Berlin.

  • #cordonhaus – Kunst „spielend“ entdecken

    #cordonhaus – Kunst „spielend“ entdecken

    Ein Haus wird zum Donut, Farben beginnen zu tanzen. Die Ausstellung „spielend“ bringt den Frühling ins Cordonhaus.

    Die Malerin Petra Amerell und der Bildhauer Christian Heß verwandeln die Städtische Galerie Cordonhaus in Cham in eine Oase voller Farbe, Humor und Entdeckungen. Kuratiert von Anjalie Chaubal eröffnet die Ausstellung ab dem 8. März 2026 neue Perspektiven auf Farbe und Form.

    Bereits im Hof empfängt eine große Skulptur von Christian Heß das Publikum. Kraftvoll markiert sie den Eingang zum Kulturort. Im Inneren begegnen sich Amerells Malerei und die Skulpturen von Heß. Sie sprechen miteinander. Klare Farben, bewegte Formen und spielerische Anspielungen bringen frühlingshafte Leichtigkeit in die historischen Räume.

    Ein Profil und seine Transformationen

    Der Bildhauer Christian Heß arbeitet mit Beton und Gips und greift dabei etwa die einfache Grundform eines Hauses auf. Doch erfährt diese Form eine überraschende Transformation. So verwandelt sich ein Haus in einen Donut, die Silhouette des Wendelsteins zieht sich in die Länge. Die Arbeiten von Christian Heß verschieben vertraute Proportionen und öffnen den Blick für neue Zusammenhänge.

    Abstrakte Erzählungen

    Auch Petra Amerells Malerei lebt vom Experiment. Ihre Bilder entstehen prozesshaft, aus der Lust am Ausprobieren. Farben treten in Beziehung, verändern sich, beginnen zu schwingen. „Dann tanze ich so lange mit dem Bild, bis es fertig ist“, sagt die Künstlerin. Ihre Bilder sind starke abstrakte Erzählungen. Sie erinnern Besucherinnen und Besucher an irgendetwas. Finden Sie heraus, an was.

    Rikscha zur Kunst

    Zur Finissage am 3. Mai wartet noch eine besondere Perspektive auf das Publikum: Christian Heß chauffiert Besucherinnen und Besucher in einer Art Rikscha durch die Ausstellung. Während die Werke vorbeiziehen, entsteht ein ungewohnter Blick auf die Kunst – fast wie auf eine Landschaft.

    Genau hierin liegt der Zauber dieser Ausstellung: Kunst verliert jede Schwere. Formen dürfen sich verwandeln, Farben dürfen tanzen – und der Frühling spielt einfach mit.

    Fotos: Julia Weigl-Wagner

    Hier finden Sie meine Pressemitteilung für die Städtische Galerie Cordonhaus Cham.

  • #cordonhaus – Lola Montez und andere Verführungen

    #cordonhaus – Lola Montez und andere Verführungen

    Seit mehr als 60 Jahren sammelt der Bezirk Oberpfalz regionale Kunst. Mehr als 200 Werke präsentieren einen Querschnitt zeitgenössischer Positionen. Weil der Sammlungsort Kebbel Villa jetzt barrierefrei umgestaltet wird, geht die Kunst auf Reisen. Nächste Station ist die Städtische Galerie Cordonhaus Cham – vom 1. Februar bis zum 1. März.

    „Mir ist es besonders wichtig, dass die Werke nicht statisch an einem Ort verweilen, sondern in der ganzen Oberpfalz zu sehen sind. Nur so können wir alle Menschen daran teilhaben lassen“, sagt Bezirkstagspräsident Franz Löffler. In dieser Ausstellung ziehen vor allem Frauen mit inhaltlich und handwerklich überraschenden Arbeiten ihren Blick auf Glaskunst, Installation und Malerei. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Neuankäufe mit Werken von Albert Braun, Katharina Gierlach, Louise Lang, Barbara Muhr, Alois Öllinger und Jasmin Schmidt.

    Auf den Spuren von Lola Montez

    Jedes Werk in der Ausstellung verführt auf seine Art, wie die drei Fotografien von Albert Braun (*1958 Vilseck) von 2018. Sie sind Teil einer konzeptionellen Arbeit und verweisen auf die Liebesbeziehung zwischen Lola Montez und Elias Peissner. Elias hatte – so die Überlieferung – Mitte des 19. Jahrhunderts als Jurastudent in München eine Affäre mit der Mätresse von König Ludwig I. Künstler Albert Braun spürte der Geschichte nach und fotografierte bei der Aufführung von Bernhard Setzweins Theaterstück „Lola und Elias“ 2018 in Vilseck. In seiner großformatigen Schwarz-Weiß-Serie gelingen Albert Braun anrührende Momente dieser Liebesgeschichte.

    Starke Kontraste – ausdrucksvoller Strich

    Realistisch, abstrakt, kraftvoll und kreatürlich setzt Barbara Muhr (*1988) ihre lebensgroßen Figuren auf die Leinwand. Muhrs Figuren weisen ebenso in die Welt des Allegorischen wie des zutiefst Menschlichen – schonungslos und expressiv. Die Regensburger Künstlerin ist Kunsterzieherin und Kunsthistorikerin. Virtuos ihr Spiel mit Figuren aus Geschichte und Gegenwart, ausdrucksvoll ihr Strich. Ihr Werk „Stillbirth“ zeigt den verdrehten Halbakt einer zurückblickenden Frau, auf deren Haut und darüber hinaus ein übergroßes Vogelgerippe projiziert wird – Pastell, Ölkreide und Acryl auf Leinwand. Der intensive Blick der Dargestellten zieht die Betrachtenden ins Vertrauen über ein Geheimnis.

    „SSV Jahn Regensburg“ titelt Katharina Gierlach (* 1983) ihre großformatige – live angefertigte – Perspektive auf das Jahnstadion in Regensburg von 2017. Der in starken Kontrasten ebenso pastose wie plastische Farbauftrag in Öl wurde zum Markenzeichen der in Winklarn geborenen und in Köln lebenden Künstlerin, die an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg studierte. Dabei ist das Jahnstadion in Regensburg nicht das einzige Stadionportrait der fußballbegeisterten Künstlerin.

    Zwischen Form und Fläche

    „Im Gesamtwerk des Malers, Bildhauers und Aktionskünstlers Alois Öllinger hängt alles mit allem zusammen“, schreibt Anjalie Chaubal in einem früheren Katalogtext. Der Bezirk hat im letzten Jahr eine Ölmalerei des in Bad Kötzting lebenden Künstlers angekauft, die eine Schale in einem Innenraum darstellt. Ihre Bildarchitektur zielt auf Ruhe und Stabilität. Als plastisches Werk aus Polyester, Marmorstaub und Gold sowie Sinnbild für Harmonie und Ausgewogenheit taucht die Schale wiederholt in der Bilderwelt Öllingers auf. 

    Jasmin Schmidt (*1981) wandert zwischen den Welten. Sie lebt in Flossenbürg, studierte Afrikanistik in Bayreuth und freie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Wie viele ihrer Arbeiten gibt auch ihr „Buntes Band“, eine Papierarbeit mit Kasein von 2022, Rätsel auf. Barockes Dekor bekommt im Spiel der Künstlerin eine neue Bedeutung. Die Papierarbeit ist Teil von Schmidts Installation „Display OPF“. Neben „Buntes Band“ werden hier noch weitere Werke in einem Regalsystem aus den 1960er Jahren präsentiert. 

    Umdeutung und Neubewertung ist auch das Bestreben der Glaskünstlerin Louise Lang (*1993). „Bruchwelle“ nennt sie ihre Anordnung aus gebrochenem ofengeblasenem Glas. Die Transparenz des Materials beruhigt. Selbst seine Zerstörung an den Oberkanten der Hohlkörper tut dem keinen Abbruch. Ohne Fehler und Brüche kein Glas, weiß die Glasmacherin aus Gleißenberg. Sie hat sowohl eine handwerkliche Ausbildung an der Glasfachschule Zwiesel als auch eine akademische an der Hochschule der Bildenden Künste in Braunschweig abgeschlossen. In der Städtischen Galerie Cordonhaus Cham war sie bereits 2015 mit einer umfangreichen Werkschau zu sehen.

    Begleitprogramm:

    Sonntag, 8. Februar 2026, 15:00 Uhr

    Künstler*innengespräch

    Die Neuankäufe der Sammlung des Bezirks Oberpfalz hautnah: Die Kunstschaffenden präsentieren ihre Werke und geben persönliche Einblicke.

    Beitragsbild:

    LOLA + ELIAS 

    2018 
    Fotografie: Albert Braun 
    Digitaldruck auf synthetischem Gewebe 
    150 x 100 cm

    Hier finden Sie meine Pressemitteilung für die Städtische Galerie Cordonhaus Cham. Danke für die Zusammenarbeit.

    https://www.cham.de/kultur-freizeit/galerien-museen/staedt-galerie-cordonhaus/presse/kunst-auf-reisen

  • #lebensgeschichten – Première Dame aus bayerisch-italienischer Familie

    #lebensgeschichten – Première Dame aus bayerisch-italienischer Familie

    Interview mit Veronika Dräxler über ihren Kunstfilm „Femme sulfureuse“

    Die Künstlerin Veronika Dräxler lebt in Fürstenfeldbruck und Paris. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich ist ihr Thema, dem sie auch in ihrem Film „Femme sulfureuse“ nachgeht. Diese sinnliche Recherche verfolgt die Lebensspuren der vergessenen französischen Präsidentengattin Henriette Poincaré. Die Ausstellung „Im Schatten der Marseillaise“ mit Film läuft in der Städtischen Galerie in Cham bis zum 8. Februar 2026.

    Wie sind Sie auf die Figur der Henriette Poincaré gestoßen?

    Henriette Poincaré (1858 – 1943) ist zu mir gekommen, nicht ich zu ihr. Heute befindet sich die Residenz der deutschen Gesandten in Paris im ehemaligen Wohnhaus der Familie Poincaré. Ich sprach mit der Gesandten über meine Arbeit. Daraufhin erzählte mir die Hausherrin von der Première Dame aus bayerisch-italienischer Familie. Das hat mein Interesse geweckt. In einer ersten Recherche fand ich heraus, dass Henriette wegen ihres unkonventionellen Lebenswandels in der französischen Presse als „femme sulfureuse“ diffamiert wurde.    

    Was bedeutet für Sie der Begriff „Femme sulfureuse“?

    „Femme sulfureuse“ ist für mich ein historischer Kampfbegriff, um Frauen zu diskreditieren, die sich gängigen Moral- und Geschlechterordnungen widersetzen. Wenn ich den Begriff heute verwende, drehe ich ihn um. „Femme sulfureuse“ ist dann die selbstbewusste Figur der Verführerin, die Narrative verschiebt und Räume neu definiert. So tritt diese Figur in meinem Film vom Dunklen ins Helle.

    In meinen Arbeiten interessiert mich, wie weibliche Diplomatie funktioniert, lange bevor sie offiziell benannt wurde: in Körperhaltungen, in Kleidung, in Blicken. Die Verführerin ist dabei kein Klischee, sondern ein Werkzeug, um Machtmechanismen sichtbar zu machen. Henriette steht für das Emanzipatorische im politisch diplomatischen Raum.

    Wie nähern Sie sich als Künstlerin historischen Figuren?

    Jahreszahlen überlasse ich gerne den Historikerinnen. Mein Zugang läuft über Sinnlichkeit, Atmosphäre und die körperliche Erfahrung. Erst im Nachhinein werden Daten und Archivmaterial wichtig, um das, was ich intuitiv gespürt habe, theoretisch zu verankern und wissenschaftlich zu reflektieren.

    Als Künstlerin habe ich eine ganz andere Herangehensweise als etwa ein Historiker. Ich denke, dass beide Disziplinen voneinander profitieren können.

    Sie spielen im Film selbst die Rolle der Henriette Poincaré. Warum dieser Schritt in die Rolle?

    Ursprünglich wollte ich nur mit dem Haus als Schauplatz arbeiten. Doch ein Couture-Kleid von Taylor Wishneff aus Paris hat mich buchstäblich in die Figur hineingezogen. In dem Moment, in dem ich im ehemaligen Wohnhaus der Poincarés in diesem Kleid stand, verschob sich meine Wahrnehmung. Ich fühlte mich wie in einer neuen Haut, durch die ich Geschichte körperlich erfahren kann. Dann war klar, ich spiele Henriette.

    Danke für das Gespräch, Veronika Dräxler

    Das Gespräch führte Julia Weigl-Wagner

    Veronika Dräxler Veronika Dräxler (geb. 1986) ist eine deutsch-ecuadorianische, interdisziplinär arbeitende Künstlerin, Performerin und Autorin, die in Fürstenfeldbruck und Paris lebt und arbeitet. Sie studierte Design in München und Ecuador sowie Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München und an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. In ihren Projekten erforscht sie Traumata, Erinnerung und Machtstrukturen im Spannungsfeld von Körper, Geschichte und Diplomatie. Dräxler promoviert an der Ecole Normale Superieure (ENS) in Paris. Ihr Thema: Femme Sulfureuse – Körper, Macht und Überschreitung: Henriette Poincaré und die weibliche Diplomatie in den deutsch-französischen Beziehungen.

    Foto: „Femme sulfureuse“ – Künstlerin Veronika Dräxler mit Prof. Ulrich Pfeil, Experte für deutsch-französische an der Université de Lorraine in Metz. (Foto Julia Weigl-Wagner

  • #cordonhaus – Kunst, Krieg und weibliche Diplomatie

    #cordonhaus – Kunst, Krieg und weibliche Diplomatie

    Wie die Künstlerin Veronika Dräxler den Marseillaise-Mythos und die Erinnerungskultur mit der Gewaltgeschichte Europas verknüpft ist noch bis zum 8. Februar 2026 in der Städtischen Galerie Cordonhaus in Cham zu sehen. Ihr Forschungs- und Filmprojekt „Femme sulfureuse“ – „Die dämonisierte Frau“ handelt von Körper, Macht, Geschlecht, Frieden, Krieg, Diplomatie und den deutsch-französischen Beziehungen. In der Ausstellung „Im Schatten der Marseillaise“ stellt die Künstlerin die historischen Figuren Henriette Poincaré und Nikolaus von Luckner gegenüber. 

    Dem gebürtigen Chamer Offizier Nikolaus Graf von Luckner wurde einst die Marseillaise gewidmet. Der deutsche Offizier war Marschall von Frankreich. Als er 1793 seine Pension einfordert, wird er als Royalist denunziert und mit der Guillotine enthauptet. Im Armeemuseum in Paris findet Veronika Dräxler den reich verzierten Marschallstab des Militärs. In ihrer filmischen Collage über die Verehrung Luckners in Cham zeigt sie unter anderem, wie ein deutscher und ein französischer General, das Herrschaftszeichen des Marschalls aus der Vitrine nehmen und als Symbol ihrer Freundschaft verehren.

    Wie sich Wissenschaft und Kunst beflügeln

    „Wir brauchen die deutsch-französischen Beziehungen heute noch mehr als vor einigen Jahren, um den Frieden in Europa zu sichern“, sagt Ulrich Pfeil bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstag. Der Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine in Metz ist Experte für die deutsch-französischen Beziehungen. Veronika Dräxler promoviert an der École normale superiore im PhD-Programm SACRe (Sciences, Arts, Création, Recherche). Ihr Ansatz zeigt exemplarisch wie sich Wissenschaft und Kunst beflügeln können.

    Der Geist von Henriette

    „Femme sulfureuse – Körper Macht und Überschreitung: Henriette Poincaré und die weibliche Diplomatie in den deutsch-französischen Beziehungen“ lautet Dräxlers Forschungsthema, das sie aus vielen Perspektiven ausleuchtet. Im Mittelpunkt steht Henriette Poincaré, die ehemalige französische Präsidentengattin, die in „Femme sufureuse“ aus dem Dunklen ins Helle tritt. Suchend bewegt sich die Kamera im Halbdunkel des herrschaftlichen Palais an der 26, Rue Marbeau, der heutigen Deutschen Botschaft in Paris und letztem Wohnort der Henriette Poincaré (1858 – 1943). Als würde ein Geist durch die Räume schweben, ein unsichtbarer Körper in einem bodenlangen Kleid mit zerschlissenem Saum …

    Weibliche Diplomatie

    Veronika Dräxler selbst schlüpft in die Rolle der früheren Bewohnerin. Indem sie barfuß auf dem kalten Marmor die Treppen hinauf- und hinuntersteigt, ihre Hände über das Messinggeländer gleiten und ihre Fingernägel am Schnitzwerk der Möbel kratzen, erscheint Henriette Poincaré in einem neuen Licht. Im Palais der Deutschen Botschaft in Paris verwandelt Dräxler die dämonisierte Frau in die personifizierte Diplomatie. Von der Presse wegen ihrer unkonventionellen Lebenseinstellung denunziert, spielte Henriette während des Ersten Weltkriegs eine wichtige diplomatische Rolle, nicht auf dem politischen Parkett, sondern in ihren Salons, in denen die gesellschaftlichen Eliten verkehrten.

    Die Geschichte der Gewalt

    In der Ausstellung treten historische Dokumente mit dem Portrait von Luckner, ein Pandurensäbel und ein verkohlter Balken aus dem Chamer Rathaus in einen Dialog mit den weiblich konnotierten Filmsequenzen und Tapisserien. So wird sichtbar, wie eng Kriegsstrategien, brutale Kriegslieder wie die Marseillaise und lokale Erinnerungskultur miteinander verwoben sind.

    Ein besonderes Exponat ist ein Gemälde von Veronika Dräxler, das den Marschallstab Luckners im Kontext der kriegerischen Assoziationen der Künstlerin zeigt. Angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine verschränkt sich die Geschichte der Gewalt mit der Gegenwart.

    Vielen Dank, Anjalie Chaubal für die Kooperation in der Pressearbeit.

    Foto: Veronika Dräxler mit ihrem Gemälde von Luckners Marschallstab (Foto: Julia Weigl-Wagner)

  • #cordonhaus – Adventliches Funkeln mit Tiefgang

    #cordonhaus – Adventliches Funkeln mit Tiefgang

    Schon beim Betreten der Städtischen Galerie Cordonhaus liegt ein feiner Duft von Fichtenadeln in der Luft. Spiegelglasreste glitzern wie eingefrorene Regentropfen und reflektieren das Licht. Die Künstler Torsten Mühlbach und Gregor Passens verwandeln Recycling-Material in Poesie. Sie zeigen die fragile Schönheit der Natur.

    „Raindrops keep falling on my head“

    Jahrzehnte nach der Gründung des Club of Rome, der sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzt, verkündete B. J. Thomas Mitte der 70er Jahre in seinem Welthit „Raindrops keep falling on my head“ eine musikalische Glücksformel. Weitere 50 Jahre später – die Erderwärmung steigt – gestalten zwei Künstler in raumgreifenden Installationen Werke, die wirken.

    Spielerisch, spiegelnd, poetisch

    Torsten Mühlbach und Gregor Passens arbeiten seit 2021 zusammen. Sie sind bekannt für ihren spielerischen Umgang mit bereits verwendetem Material – bislang vor allem Spiegelglasreste und Keramik. In der Städtischen Galerie Cordonhaus kommen nun auch Reste aus dem Weihnachtsbaumverkauf hinzu. Zeitgleich zeigt das Duo am Eingang des Münchner Tollwood-Festivals eine aus Spiegelfragmenten zusammengesetzte, sechs Meter hohe Friedenstaube.

    Innehalten erleben

    Die Arbeiten der beiden Künstler sind voller Ästhetik, Poesie und künstlerischer Tiefe. Sie rufen beim Publikum ebenso Entschleunigung hervor wie die Beschäftigung mit der Idee dahinter. Ressourcenverantwortung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit – das sind die Themen, die das Duo bewegen.

    Ein Kaktus verbindet

    Ein Highlight der Ausstellung sind Gerüste in der Form des Westernkaktus (Carnegiea gigantea), bestückt mit Fichten- und Tannenresten. Der Kaktus zeigt, ebenso wie der Nadelbaum, die weltumspannende Beziehung der existenziellen Ressource Wasser. Europas Wälder speichern Wasser genauso wie die Kakteen in den Wüsten Südkaliforniens und Mexikos. In der Ausstellung „Raindrops keep falling on my head“ wird diese Verbindung zum Sinnbild für global verstandenen Umweltschutz.

    Wassertropfen aus Spiegeln

    Im zweiten Raum füllt ein schimmernder Schleier aus hängenden Spiegelresten den Raum. Sie erinnern an fallende Regentropfen – und spiegeln zugleich jede Besucherin und jeden Besucher zurück. Die Botschaft: Wir sind Teil dieser Welt, wir gehören zur Natur, und wir tragen Verantwortung für sie.

    Über die Künstler

    Gregor Passens (geb. 1974 in Berchtesgaden) und Thorsten Mühlbach (geb. 1974 in Torgau/Sachsen) studierten Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Beide sind vielfach ausgezeichnet und in Ausstellungen sowie Kunst-am-Bau-Projekten vertreten.

    Meinen Pressetext zur Ausstellung finden Sie hier. Danke an Anjalie Chaubal, Leiterin der Städtischen Galerie Cordonhaus, und Simone Seifert, Kuratorin dieser Ausstellung, für die gute Zusammenarbeit.

    Ausstellung bis 18. Januar 2026

    Fotos: Renate Gütersloh, Julia Weigl-Wagner