Der Bühnenraum in der Turnhalle des TV 1875 Burglengenfeld ist das Herzstück des hundertjährigen Bauwerks. Mich interessiert das girlandenförmige Dekor, das den Bühnenraum umrahmt. Zwischen Turnerwappen und Eichenlaub entdecke ich eine Schlange – sie passt so gar nicht zur Symbolwelt der Turnerbewegung.
Der Bau der Turnhalle zu Beginn des 20. Jahrhunderts war für die Männer in der Stadtgesellschaft ein wichtiger Akt. Karl Weiß, Bauunternehmer am Ort, wurde der Vorsitzende des Bauausschusses. Josef Kellerer, Gastwirt und Grundstücksbesitzer, trat dem Verein ein Stück Land ab. Im Gegenzug sicherte er sich die Bewirtschaftung der Gaststätte in der Turnhalle. Wirtshaus, Bühne, großer Saal – dafür legten sich die Mitglieder des Turnvereins eigenhändig ins Zeug, schaufelten die Baugrube, mauerten, feierten Richtfest und schließlich Einweihung. Die Schirmherrschaft des Festes übernahm Dr.-Ing. Wilhelm Brans, damals Direktor des Zementwerks in Burglengenfeld, und spendete dem Verein Geld.
Kreisbaumeister Edmund Glatzl fertigte den Plan für die Turnhalle, und sicher hatte er für die Umrahmung des Bühnenraums eine gewisse gestalterische Vorstellung. Die Symbole der nationalistischen Turnerbewegung in der Nachfolge ihres Begründers Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) waren die vier F für Frisch, Fromm, Fröhlich und Frei sowie Eichenlaub als Symbol für Stärke, Männlichkeit und Disziplin. Ich kann mir kaum vorstellen, dass im Auftrag an den Stuckateur formuliert worden war, eine Schlange möge sich um das Eichenlaub winden.
In der Kunst und Architektur der 20er-Jahren setzte die Schlange moderne Akzente. Sie stand für Transformation, Exotik, Eleganz, Luxus und Verführung. Als Symbol des Weiblichen steht die Schlange für Fruchtbarkeit, Sexualität, Heilkunst. – Die erste TV-Damenriege turnte 1923 unter der Übungsleitung des Schneidermeisters Albert Karl. Vielleicht setzten sich die 15 weiblichen Mitglieder beim Turnhallenbau mit der Schlange ein Denkmal. Wer Näheres weiß, melde sich bitte. DANKE!
