Roter Klang, eine frühe Collage der Künstlerin Lena Bosch repräsentiert in der opulenten 100-Jahre-Jahresschau-Ausstellung des Kunst- und Gewerbevereins Regensburg das Jahr 1983. Mit einer Ausstellung bis zum 25. Oktober 2026 und einer Publikation feiert der Verein 100 Jahre Jahresschau. – Was sperrig klingt, folgt einem intelligenten Konzept. Autorinnen und Autoren treten mit 130 prämierten Kunstwerken aus 100 Jahren in einen vielsstimmigen Dialog. In den Texten treten Zeit- und Seinsschichten, Zustände und Lebenswelten, Zwänge und Freiheiten plastisch in Erscheinung. Die 100 Jahre, die in der Titelgrafik des Katalogs so blaß und zurückhaltend daherkommen, gewinnen im Inneren dieses großen Lese- und Bilderbuchs Farbe und Substanz.
Das ist mein Text über „Roter Klang“ von Lena Bosch:
Roter Klang – Lena Bosch und die Kunst der Collage
Roter Klang – Im Zentrum dieses Werks entfalten kräftige Rottöne eine Energie, die sich wie ein musikalischer Akkord ausbreitet. Um dieses Rot gruppieren sich Karton, Packpapier, Klebestreifen und dunkle Fundstücke wie Stimmen einer Partitur. Die Elemente überlagern sich, behaupten Eigenständigkeit, bleiben haften oder lösen sich wieder voneinander. Sie treten miteinander in Verbindung und verleihen dem Bild seinen Rhythmus.
Das Werk ist eine Collage. Karton, Papierfragmente, Farbspuren und Gezeichnetes bilden Schichten. Dabei bewahren die einzelnen Materialien ihre Eigenständigkeit. Packpapier bleibt Packpapier. Seine gerissenen Kanten erzählen vom bildnerischen Prozess. Aufbau und Zerstörung, Zusammenfügen, Zerreißen und Abreißen erscheinen als gleichwertige Gesten.
Die Collage begleitet Lena Bosch von Anfang an als künstlerisches Prinzip. Während ihres Medizinstudiums in München stieß die leidenschaftliche Zeichnerin in einer Schwabinger Buchhandlung auf einen Bildband mit Werken von Kurt Schwitters. Die Begegnung mit dessen Collagen wurde zu einem Schlüsselerlebnis. Schwitters eröffnete Lena Bosch einen neuen Zugang zur Kunst. Er zeigte, dass die unscheinbarsten Fragmente des Alltags, Papierreste, Verpackungen oder Fahrscheine Erinnerung und Bedeutung vermitteln können.
Beruflich war Lena Bosch (*1945) zunächst als Ärztin tätig. Mit vierzig Jahren traf sie eine Entscheidung, die ihr Leben grundlegend veränderte. Nach USA-Aufenthalten als Ausstellende und als Artist in Residence sowie inspirierende Begegnungen an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg entschloss sie sich, die Medizin hinter sich zu lassen und ganz für die Kunst zu leben.
Mit dieser Entscheidung veränderte sich auch der geografische und geistige Horizont der Künstlerin. Im Chiemgau und in Salzburg wurden die Alpen allgegenwärtiges Gegenüber. Lena Bosch spricht von „Naturvideos“, wenn sie die Veränderungen von Licht, Wetter und Atmosphäre in der Berglandschaft beschreibt. Auch ihre Collagen reflektieren diese Wandelbarkeit, diese feinen Überblendungen von Zeit und Raum.
Roter Klang markiert einen wichtigen Moment im Werk der Künstlerin. Die Arbeit entstand in einer Phase, in der Lena Bosch die Collage zu ihrem unverwechselbaren Ausdrucksmittel entwickelte. Vielleicht wurzeln Affinität und Sensibilität für Schichten und Überlagerungen in den frühen Jahren der Künstlerin. Lena Bosch wuchs im Pförringerhaus auf, einem frühklassizistischen Baudenkmal des 18. Jahrhunderts in Regensburg. In einem solchen Haus wird Geschichte als Schichtung gegenwärtig. Abgetretene Steinplatten, Mauern und Räume tragen die Spuren vieler Generationen. Vor diesem Hintergrund gerieten Collage und Decollage zum Gestaltungsprinzip der Künstlerin, das Material, Erinnerung, Architektur, Landschaft und Biografie reflektiert.
Mehr als vier Jahrzehnte nach der Entstehung von Roter Klang zeigt sich die Aktualität dieses Werkes. Es verweist auf den Ursprung eines umfangreichen Œuvres, das später um Fotografie, Video, Mixed Media, Assemblage und Installationen erweitert wurde. Doch die Collage blieb das Herzstück dieses Werks aus Erinnerung und Gegenwart, Fundstück und Vision, Material und Poesie. Roter Klang vergegenwärtigt wie aus Karton, Papier, Zeichnung und Farbe ein Resonanzraum entsteht.
Julia Weigl-Wagner

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